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Weltschmerz auf Türkisch

Darmstädter Echo 4.11.2011

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Weltschmerz auf Türkisch

Darmstädter Echo 4.11.2011

Ausstellung: Die deutsche Fotografin Lale Çakmak zeigt schillernde Ansichten aus Ankara, der Heimat ihrer Eltern

Wo liegen die Wurzeln eines Menschen – dort, wo er geboren wurde, oder dort, von wo die Kindheitsgeschichten der Eltern, die Erinnerungen der Familie in die Gegenwart reichen? Die Fotografin Lale Çakmak, 1974 in Grevenbroich geboren, trägt als Einwanderer-Kind immer noch so etwas wie eine türkische Sehnsucht in sich. Das zeigt die kleine Auswahl von Fotografien über die Heimatstadt ihrer Eltern, die Metropole Ankara, die derzeit im Schauraum des Literaturhauses ausgestellt ist.

Der Titel Sıfır altı – Null Sechs Ankara verweist auf die kulturelle Schere, mit der eine türkischstämmige Deutsche zu leben lernen muss: »Sıfır altı – Null Sechs« ist das Autokennzeichen von Ankara. Für die Fotografin ist es eine Metapher für die Modernität, die Bewegung, das Rastlose und die Wandlungsfähigkeit dieser Großstadt, die Lale Çakmak vor allem aus den Erinnerungen der Eltern kennt.

Vom Interesse an diesem kulturell bedingten Zwiespalt sprechen auch die Fotoserien und Filmsequenzen, die sie auf ihrer Website zeigt. Häufig thematisiert sie Familie, kulturell gemischte Ehen, aber auch die Auseinandersetzung mit dem fremden und doch vertrauten Herkunftsland, dem sie sich über ein Porträt der Stadt Ankara nähert.

Die aktuelle Ausstellung zeigt zehn Bilder aus der insgesamt 27 Fotografien zählenden Serie. Der Spagat zwischen den Kulturen, den sie als Nachfahrin von Migranten immer noch in sich spürt, drückt sich darin durch die Wahl der Perspektiven und Motive aus, in denen Melancholie und Humor eine eigentümliche Verbindung eingehen. »Das Wort Hüzün bezeichnet dieses Gefühl des Weltschmerzes, das tief in der Seele des türkischen Volkes wurzelt«, beschreibt Lale Çakmak diese innere Zerrissenheit, in der Orient mit Okzident, Vergangenheit mit Gegenwart um eine lebbare Zukunft ringen. Die Fotografin widmet sich dem Leben auf der Straße, in den Läden, in den öden Steppen der Vorstadtorte und bringt dabei Widersprüche und Gegensätze zum Vorschein. Bilder mit Schnappschuss-Ästhetik lädt sie mit symptomatischer Bedeutung auf: Von grauen Betonbauten gesäumte Straßen, durch die der Verkehr flutet, stehen unverbunden neben dem hinfälligen Wohnhaus einer herausfordernd lächelnden Vorstadtgöre – man mag gar nicht glauben, dass die Bilder in ein und derselben Stadt aufgenommen wurden.

Die Architektur wird in Çakmaks Bildern zur Kulisse, vor der die Menschen mit ihrem Dilemma dargestellt werden: Sie werden mitgerissen vom technischen Fortschritt, der vor der Vier-Millionen-Stadt Ankara keineswegs halt macht, auch wenn diese vielfach noch von den Spuren ihrer Vergangenheit gezeichnet ist. Doch die Menschen scheinen in dieser neuen Wirklichkeit noch nicht angekommen zu sein. In ihren Augen liegt etwas Verträumtes, als wurzele ihre Seele fest in Tradition oder Traumvorstellung.

Vielleicht ist es jedoch auch nur der sehnsüchtige Blick der zwischen den Kulturen eingespannten Fotografin, der den Menschen, Räumen und Situationen, die sie im Kamera-Augenblick bannt, diese »Hüzün«, den türkischen Weltschmerz, verleiht.

Anja Trieschmann

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