
PHOTONEWS 06/2007
Frankfurter Rundschau, 23.04.2007
Darmstädter Echo, 23.04.2007
Darmstädter Echo, 19.04.2007
Website der Hochschule Darmstadt h_da, 12.04.2007
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2007
Frankfurter Rundschau, 05.04.2007
Darmstädter Echo, 29.03.2007
Darmstädter Echo, 29.03.2007
Darmstädter Echo, 07.11.2006
»Überblick. Konstruktionen der Wahrheit«.
Die 3. Darmstädter Tage der Fotografie
Als Eadward Muybridges Kamera 1878 das galoppierende Pferd im Flug erwischte, entfachte ein Streit um das wahre Bild. Ist das fotografische Bild wahr, das der messbaren Wirklichkeit entspricht oder ist es das gemalte, konstruierte, das sich an der menschlichen Wahrnehmung orientiert?
Heute, sagt Christoph Schaden, dessen Vortrag das Symposium auf den Darmstädter Fototagen eröffnete, wollen die Fotografen die besseren Maler sein. Längst hat die Fotografie ihre Bindung an die reine Abbildung abgelegt und ist eingetreten in eine Phase der Konstruktion: Als Wendepunkt benennt Christoph Schaden treffend das berühmte Rheinbild von Andreas Gursky (Rhein, 1996). Seither gilt: Die Wirklichkeit darzustellen kann nur gelingen, wenn man sie konstruiert. Ganz ähnlich argumentierte Dr. Bernd Stiegler in Bezug auf Fotografien politischer Massenspektakel in China. Erneut ist es Andreas Gursky, der hier auf eine Wirklichkeit trifft, die bereits vorab radikal inszeniert ist. Erst durch die digitale Verdopplung dieser Manipulation wird das Bild authentisch. Die Welt ist nicht genug. Ihre Realität zeigt sich erst in der fotografischen Verdichtung. Die Fotografie ist für Stiegler daher auch weniger Abbildung von Wirklichkeit, als deren Reflexion: Im fotografischen Bild zeigt sich, was zu je unterschiedlichen Zeiten als wirklich oder wahr gegolten hat.
Gänzlich unwirklich erscheinen uns die farbenfrohen Nachtaufnahmen, die der referierende Künstler Andreas Gefeller mit Hilfe von Langzeitbelichtungen erzeugt. Allerdings beruht diese Empfindung allein auf einer Wahrnehmungsschwäche. Bei wenig Licht versagen unsere Farbsensoren. Nachts sind alle Katzen grau, sagt der Volksmund und irrt. Die Fotografien von Oliver Boberg hingegen wirken – zumindest auf den ersten Blick – real, weil sie den Betrachter an existierende Orte erinnern. Tatsächlich sind seine Bilder allesamt Fiktionen, die bekanntermaßen auf Modellen basieren. Die Realität, die sie produzieren, ist eine Zutat des Betrachters. Ob dieser die im Künstlervortrag von Andreas Gefeller gezeigten »Supervisions« als wirklich anerkennt, ist eine offene Frage. Die aus hunderten Einzelfotos zu riesigen topologischen Panoramen zusammengefügten Bilder sind einerseits wahr, weil sie Punkt für Punkt der minutiös »gescannten« Wirklichkeit entsprechen. Sie »lügen« andererseits, weil die Synthese der Einzelbilder einen unmöglichen Blick erzeugt.
Bei konstruierten Wirklichkeiten geht es weniger um Wahrheit als um Plausibilität, also um die Akzeptanz des Betrachters. Wie Simulakren im Zeitalter von Second Life aussehen, demonstrierte das Künstlerpaar Monica Studer & Christoph van den Berg. Ihr virtuelles Hotel »Vue des Alpes« ist ein synthetisches Refugium, das virtuelle Eremiten in die Abgeschiedenheit eines künstlichen Bergidylls einlädt. Ausgestattet mit ewiger Sonne (die nicht bräunt) und mit garantiert 24 Grad warmen Bergseen (in die man freilich nicht hinein springen kann), liefert www.vuedesalpes.com letztlich den Beweis für die unverbrüchliche Bindung des Menschen an den Köper. Eine Tatsache, die im Vortrag von Petra Schrott zu Angela Merkel eine andere Wendung erhielt. Die Bildredakteurin der taz sprach über den Wandel von »Kohls Mädchen«, dem jede innere Regung im Gesichtsaudruck abzulesen war, zur Staatschefin, die bemüht ist, das eigene Bild zu kontrollieren. Visagisten kümmern sich um den Look, »Location scouts« platzieren den Pulk der Journalisten. Aber das gelungene Bild ist eben auch eine Frage bestehender Vor-Bilder auf Seiten der Betrachter: Hier mangele es in Deutschland an einer gewachsenen Bildkultur der weiblichen Inszenierung von Macht.
Bilder zeigen bedeutet Macht ausüben. Im Pressebetrieb sind Fotografien konkurrierende Waren, die ein Thema sexy machen. Nun ist nicht jedes Thema sexy und manche Bilder zeigt man lieber nicht. Das Nichtzeigen hatte der Fotograf und Nichtfotograf Kurt Buchwald bereits in einem früheren Vortrag zum Konzept erklärt. Seine »Störbilder« legen die Schärfe vor oder hinter das Objekt oder verdecken das Motiv mit speziellen Blenden. Wenn Buchwald selbst nicht (nicht) fotografiert, so ordnet er es an: Kraft seines Amtes, des Amtes für Wahrnehmungsstörung, bringt er Schilder an öffentlichen Plätzen an: Fotografieren verboten. Buchwalds subversive Akte fördern eine lapidare Erkenntnis zutage: Fotografie kann nicht nicht konstruieren: Einen gleichsam neutralen Standort gibt es nicht: Wie jede physikalische Messung verändert die Fotografie unweigerlich das von ihr vermessene Objekt.
So unterschiedlich die Vorträge, so brillant verstanden alle Referenten aufzuklären und zu unterhalten. Buchwald, der bereits am Vorabend zur Eröffnung der Hauptausstellung auf der Mathildenhöhe als »Röhrenmensch« mit aufgesetzten Scheuklappen erschienen war, erntete gar schallendes Gelächter. Man nahm in Darmstadt alles, auch sich selbst, nicht zu wichtig und nicht zu ernst. Akademische Kritik und Kunstbetrieb wurden auf Normalmaß herunter gebrochen. Oliver Boberg lobte den Sprühkleber und Andreas Gefeller die Langeweile als Ursprung aller Kreativität. Die Künstler sprachen klug und eloquent, doch offen und uneitel über ihre Arbeit.
Das Konzept der Initiatoren Alexandra Lechner, Albrecht Haag, Gregor Schuster und Rüdiger Dunker ist aufgegangen. Nicht nur hinsichtlich des Symposiums, sondern auch was das umfangreiche Ausstellungsprogramm der Darmstädter Tage der Fotografie betrifft. Der Erfolg basiert auf Teamwork. Mit im Boot waren unter anderem Kris Scholz, Professor an der Hochschule Darmstadt und als Kuratorin Ute Noll, die maßgeblich für das künstlerische und programmatische Kernstück, die Präsentation im Designhaus, verantwortlich war. Im Unterschied zu dieser mit Sonja Braas, Claudio Hills oder Julia Fullerton-Batton hochkarätig besetzten Hauptausstellung konnte man sich für das Rahmenprogramm frei bewerben. Damit bot man auch solchen – meist jungen – Fotografen eine Chance, die (noch) nicht durch große Galerien international vertreten sind. Im Ergebnis erwies sich dieses duale Ausstellungskonzept als ausgesprochen fruchtbar. Die für das Rahmenprogramm ausgewählten Arbeiten waren von hoher künstlerischer Qualität und konnten problemlos an das Niveau der Hauptausstellung anschließen. Zweifellos förderte diese Zweigleisigkeit auch die Begegnung der Etablierten mit dem künstlerischen Nachwuchs. Insgesamt gehörte der Dialog zwischen den zahlreich erschienenen Künstlern, Referenten und Besuchern ganz wesentlich zum Selbstverständnis der Veranstaltung.
Abends nach dem Symposium traf man sich zum Gedankenaustausch in coolem
Ambiente. Anderntags konnte man wieder im Sonnenschein rund um die
Mathildenhöhe von einer Ausstellung zur anderen flanieren.
Wer wollte, nutzte eine der bereit stehenden schwarzen Limousinen, um in
den meist auf die Dauer der drei Festivaltage begrenzten Ausstellungen
möglichst viele Entdeckungen zu machen. Hier traten neben die
Wirklichkeit konstruierenden Fotografien solche, die sich mit vorab
konstruierten Wirklichkeiten auseinandersetzten. Den unmöglichen
Begegnungen von Chino Otsuka mit ihrem kindlichen Alter ego oder den
Phantomwolken von Gerhard Lang aus dem Hauptprogramm standen fotografische
Bestandsaufnahmen gefakter Architekturen (Timo Burgmeier) oder künstlicher
Feriendomizile (Reiner Riedler) im Rahmenprogramm gegenüber, inszenierte
Familienbilder in Musterhaussiedlungen (Marion und Jörg Baumann) oder
geschauspielerte Erinnerungsfotografien (Thomas Rösch). Ganz
zurückhaltend hat Markus Neis seine »Folgelandschaften«
in Szene gesetzt. In die Wälder und Wiesen nahe Verdun hat sich der
Krieg förmlich eingegraben. Hier ist die Welt genug. Die Bilder
belegen, was Fotografie immer schon sein kann: eine konstruktive
Verdichtung von Realität.
Torsten Scheid, PHOTONEWS 6/2007
Frankfurter Rundschau , 23.04.2007
Darmstädter Tage der Fotografie locken bei ihrer dritten Auflage mehrere tausend Besucher an 16 Ausstellungsorte
Die Arbeiten von 51 Fotografinnen und Fotografen aus ganz Deutschland waren bei den dritten Darmstädter Tagen der Fotografie zu sehen. Das dreitägige Festival hat sich etabliert.
DARMSTADT. Der Mann trägt schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt, schwarze Schuhe und eine schwarze Röhre auf dem Kopf. »Ich bin der Röhrenmensch«, sagt der Mann. Kurt Buchwald ist Fotograf und Aktionskünstler aus Berlin. Er hat das Amt für Wahrnehmungsstörungen erfunden und die fiktive Partei Wahlalternative Röhre und Mensch (kurz:WARUM) ins Leben gerufen. Am vergangenen Wochenende war er Referent bei den Darmstädter Tagen der Fotografie und stellte dort sein Projekt vor.
Überblick – Konstruktionen der Wahrheit hieß das Thema der diesjährigen Darmstädter Tage der Fotografie. Zum mittlerweile dritten Mal hat der gleichnamige Trägerverein die Ausstellung auf die Beine gestellt. DreiTage langwaren die Arbeiten von 51 Fotografinnen und Fotografen an 16 Orten der Stadt zu sehen – unter anderem auf der Aussichtsplattform im Hochzeitsturm, im 603qm und im Polen-Institut.
»Nach dem Studium fehlte der Input für die Birne«, sagt Albrecht Haag, einer der Organisatoren. Also rief der gleichnamige Förderverein vor drei Jahren kurzerhand das Festival ins Leben. Es ist Ausstellung, Austausch und Inspiration in einem. »Man schätzt es«, sagt Alexandra Lechner, eine der Organisatorinnen und selbst Fotografin. Und damit meint sie sowohl die Künstler wie auch die Besucher. Mehrere Tausend sind es bislang immer gewesen. Da die Ausstellungen keinen Eintritt kosten, lassen sich die Zahlen nur schätzen. Jedes Jahr gibt es ein neues Thema und dazu eine Ausschreibung. Für Ute Noll, Kuratorin und Bildredakteurin der Frankfurter Rundschau, stehen Gerhard Langs Phantombilder von Wolken stellvertretend für das diesjährige Festival-Thema. Er suche etwas, was er noch nicht kenne, wovon er aber eine Ahnung habe. Die Wolke selbst ist in ihrer Form nicht wirklich greifbar, sie kann sich ständig verändern. »Uns geht es um den Prozess, um das Ringen, um die Auseinandersetzung mit dem Thema«, sagt Ute Noll. Was ist Wahrheit? Was Wirklichkeit? Was Täuschung?
Es gibt keine eindeutige Antwort. Sonja Braas' Bilder zeigen Naturkatastrophen. Sie sehen täuschend echt aus, sind es aber nicht. Anja Vormanns und Gunnar Friels Ausschnitte aus einem Park dagegen machen den Betrachter mit ihren akkuraten Linien Glauben, die Bilder seien manipuliert. Sind sie aber nicht. »Das Schöne an der Kunst ist: Alle Positionen sind richtig – sie müssen nur wirken«, sagt Christoph Scholz, Professor an der Hochschule Darmstadt und Juror.
»Die Welt ist eine Konstruktion«, sagt Röhrenmensch Buchwald. Für ihn ist die Röhre auf seinem Kopf ein entkerntes Objektiv. Wer durch die Röhre schaut, nimmt die Welt anders wahr, hört anders, sieht anders. Nur im Zentrum des Tunnels sind die Dinge scharf, was außerhalb der Röhre ist, kann der Röhrenmensch nicht sehen. Wie bei einem Kameraobjektiv eben. Silke Rummel
Darmstädter Echo, 23.04.2007
Festival: Die Darmstädter Tage der Fotografie wecken das Misstrauen gegenüber dem Abbild
DARMSTADT. Verfremdet, ja bizarr wirken die Bilder an den Wänden des Alfred-Messel-Hauses. Viel Wald nennt Julia Kernbach ihre Auseinandersetzung mit wucherndem Grün, nüchtern lassen Anja Vormann und Gunnar Friel ihren living Park aufmarschieren. Die Farbe Grün ist prominent vertreten in den Arbeiten der Fotografen auf der Mathildenhöhe, ihr Blick in die Natur allerdings ist so eigen wie der Bezug zur Realität. Skurrile Wolkenbilder hat Gerhard Lang entworfen, einen Raum weiter zeigt Ej Majors Serie Marie Claire RIP Bilder einer düster inszenierten Anti-Heroin-Werbung.
Draußen indes scheint unbekümmert die Sonne, und der Zuspruch zur Eröffnung der dritten Darmstädter Tage der Fotografie könnte kaum größer sein. Vor den geöffneten Fenstern lauschen verspätete Besucher am Freitagabend der Begrüßungsrede von Oberbürgermeister Walter Hoffmann, der gewiss nicht der einzige ist, der sich wundert, wie schnell sich die von Albrecht Haag, Alexandra Lechner und Gregor Schuster initiierte Fotoschau etabliert hat. Noch ist das quirlige Zentrum die Mathildenhöhe, aber längst hat man sich mit immer neuen Dependancen den Stadtraum erobert. Die zentrale Ausstellung findet wie gehabt im Eugen-Bracht-Weg statt, die Szene aber trifft sich im Foyer im Hauptgebäude des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstadt im nahen Olbrichweg oder in der Lounge im 603 qm.
Während ihrer kurzen Einführung kann die Kuratorin Ute Noll so manchen der ausstellenden Künstler begrüßen, viele der über 50 Fotografen und Fotografinnen sind auch persönlich anwesend und stellen sich in den Galerien zum Gespräch. Wie in den vergangenen Jahren hat man sich für einen thematischen Schwerpunkt entschieden, allerdings »nicht ohne Bauchschmerzen«, wie Ute Noll versichert. Die erste Skepsis aber, so erzählt die Kuratorin, hat sich schnell verflüchtigt, übriggeblieben ist ein wenig Nervosität und der stolze Titel: Überblick – Konstruktionen der Wahrheit.
Wie im vergangen Jahr erzählen viele der ausgestellten Fotografen bewusst Geschichten, thematisieren das Nahe, oft das eigene Lebensumfeld. Gehen mit Akribie auf Spurensuche oder legen falsche Fährten. Da werden die täglichen U-Bahn–Fahrten zu Fotostrecken surrealer Geschichten wie in den Rotkäppchen-Bildern von Jasmin Werner. Julia Fullerton-Batten baut für eine ihrer Teenage Stories einen Tag lang Kulissen auf.
Viel zu sehen sind inszenierte Fotografien, oft geht es um Kindheitserinnerungen. Nicht immer sind die so unbekümmert umgesetzt wie bei Chino Otsuka, die alte Kinderbilder digital bearbeitet hat: hier die junge Chino mit einem Baguette in Paris, gleich daneben ihr um Jahre gealtertes Ebenbild, in der Montage geschickt nebeneinander gestellt. Eine ganz anderen Ansatz findet Erik Niedling, der alte, auf dem Speicher gefundene Schwarzweiß-Aufnahmen mit Bedeutung auflädt. Erklärte Absicht der Künstler, so formulierte es die Kuratorin in ihrer Eingangsrede, sei es‚ den ungeklärten Raum zu erforschen, der zwischen der Wahrheit und der Wirklichkeit liegt. Die Künstler, so Noll, visualisieren ihre Gedanken meist in konstruierten Bildern. Obwohl viele der gezeigten Arbeiten manipuliert sind, ist das kaum sichtbar für den Betrachter.
Mit dem dreitägigen Foto-Festival ist ein enormer organisatorischer Aufwand verbunden, den der Verein Darmstädter Tage für Fotografie schon zum dritten Mal erfolgreich bewältigt hat. So manches hat sich eingespielt, ist zur Routine geworden, wie die Fahrt mit den Limousinen des Sponsors. Tradition hat auch die Zusammenarbeit mit der Hochschule Darmstadt. Professor Kris Scholz sitzt mit in der Auswahlkommission, und wie im vergangenen Jahr gibt es auf der Mathildenhöhe ein Symposium zum Thema. Petra Schrott, Bildredakteurin der Berliner Tageszeitung, liefert kluge Reflektionen zum Einsatz von Bildern in Medien, und Bernd Stiegler wundert sich über das Vertrauen, das dem fotografischen Bild immer noch entgegengebracht wird. Dass dieses Vertrauen Risse erhält, dafür sorgen die 18 Ausstellungen an diesem Wochenende nachdrücklich. Gerd Döring
Darmstädter Echo, 19.04.2007
Tage der Fotografie: Morgen ist Eröffnung im Designhaus – Kostenloser Shuttle-Service.
DARMSTADT. »Der ganz normale Wahnsinn«, sagt Alexandra Lechner gestern auf die Frage, wie die Veranstalter der dritten Darmstädter Tage der Fotografie sich kurz vor Beginn ihres großen Drei-Tage-Festivals fühlen. Sie sagt das ziemlich gelassen. Denn sie kann gleich ergänzen: »Wir sind im Plan mit allem.« Morgen (Freitag) geht es abends los mit der Eröffnung der Hauptausstellung im Designhaus auf der Mathildenhöhe; ab heute wird dort aufgebaut, was der veranstaltende Förderverein Darmstädter Tage der Fotografie zum Thema Überblick – Konstruktionen der Wahrheit zusammengetragen hat.
Alexandra Lechner, Albrecht Haag, Gregor Schuster und Rüdiger Dunker sind als Vorstand dieses Vereins verantwortlich für die 17 Ausstellungen mit Arbeiten von 51 Fotografen und auch für das Symposium zum Thema am Samstag. Die Auswahl der Bilder und der Referenten erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der Kuratorin Ute Noll (On-Photography.com) und mit Kris Scholz, Professor am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt.
Ute Noll gibt auch die Einführung bei der Eröffnungsveranstaltung um 18 Uhr. Sie spricht, umrahmt von den Arbeiten 14 internationaler Fotografen, die auch 14 verschiedene künstlerische Positionen zum Thema der wirklichen, versteckten oder auch nur angeblichen Wahrheiten und Täuschungen in Bildern markieren. Alexandra Lechner dazu: »Wir wollen die Wahrheit nicht finden. Wir begeben uns auf die Suche danach.«
Am ersten Abend führt diese Suche weiter auf der Mathildenhöhe: Um 19.30 Uhr ist Vernissage mit den Bildern sechs weiterer Fotografen im Museum Künstlerkolonie (Alexandraweg 26). Der Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt stellt seine Bilder in der Schau Dialog um 21 Uhr im Foyer der Hochschule am Olbrichweg 10 vor. Gestaltet haben diese Fotoarbeiten Studenten des Fachbereichs unter der Leitung von Kris Scholz und Studenten der Fachhochschule Dortmund.
Die Präsentationen im Museum Künstlerkolonie und in der Hochschule sind Teil des umfangreichen Rahmenprogramms an 16 Orten Darmstadts: Fotografien sind beispielsweise auf der Aussichtsplattform des Hochzeitsturms, im Deutschen Polen-Institut, im Staatsarchiv, im Kunstarchiv oder in den Galerien von Christiane Klein und Maria Kohl zu sehen. Die 38 in einem Auswahlverfahren bestimmten Künstler, die in diesen Ausstellungen gezeigt werden, haben sich auf eine Ausschreibung hin beworben.
Am Sonntag (22.) stehen die Parallelausstellungen von 10 bis 18 Uhr im Zentrum des Interesses; ein Shuttle-Service verbindet die verschiedenen Ausstellungen, die teilweise bereits ab morgen, teilweise aber auch erst am Wochenende gezeigt werden – das Programm dazu findet sich im Internet oder in einer bereits im ECHO erschienenen Beilage, die an den Veranstaltungsorten ausliegt.
Wie in den Vorjahren ist am Samstag (21.) ganztägig Symposium, auch dabei geht es um den fotografischen Wahrheits-Begriff. In der Aula des Fachbereichs Gestaltung referieren von 9.30 bis 18 Uhr die Künstler Oliver Boberg, Andreas Gefeller, Monika Studer und Christoph van den Berg, der Fotograf und Aktionskünstler Kurt Buchwald, der Kunsthistoriker und Verleger Christoph Schaden, die Bildredakteurin Petra Schrott von der Tageszeitung und der Philosoph und Germanist Bernd Stiegler.
Dem Geistestraining kann im Anschluss die Entspannung folgen. Denn ab 18 Uhr klingt der Samstag mit Musik und Gespräch in der Lounge in der Kulturhalle 603qm (Alexanderstraße 2) aus, die selbst an allen drei Tagen auch Ausstellungsort ist. Die Lounge wird in Zusammenarbeit mit Studierenden des Fachbereichs Architektur der Hochschule Darmstadt gestaltet.
Die Tage der Fotografie verbinden viele Ausstellungsorte in Darmstadt. Für die nötigen Rundfahrten steht allen Besuchern der individuelle Shuttle-Service der Firma Skoda zur Verfügung. Am Freitag (20.) verbindet die eine Tour von 18 bis 21.30 Uhr die Präsentationen auf der Mathildenhöhe; am Samstag (21.) ist von 12 bis 22 Uhr Transport zu den Ausstellungen und vom Symposium auf der Mathildenhöhe zur Lounge in 603qm. Die Rundfahrt am Sonntag (22.) verbindet zwischen 10 und 18 Uhr alle Ausstellungen im Stadtgebiet.
Skoda gehört mit diesen Fahrten wieder zur Vielzahl der Sponsoren, die sich für die Fototage engagieren – darunter sind beispielsweise auch das Maritim-Hotel Rhein-Main, HSE, Merck oder die Sparkasse Darmstadt. Dennoch setzen die Veranstalter auch in diesem Jahr darauf, dass die Besucher das für sie durchweg kostenlose Festival durch den Kauf eines Buttons unterstützen. Er wurde als Gabe dieser Tage handgefertigt und kostet 5 Euro.
Die Öffnungszeiten der Ausstellungen finden sich im Internet unter www.dtdf.de. Dort kann man sich auch für die Teilnahme am Symposium registrieren lassen. Der Katalog mit den Ausstellungsbildern und den Symposiumsbeiträgen (ISBN 3-9810254-4-X) ist während der Veranstaltung für 18 Euro erhältlich, danach über den Buchhandel. Annette Krämer–Alig
Website der Hochschule Darmstadt h_da, 12.04.2007
Das dreitägige Festival vom 20. bis 22. April beleuchtet das Thema Überblick – Konstruktionen der Wahrheit in Fotoausstellungen junger internationaler Künstler, in Vorträgen sowie Diskussionen. Die Hochschule Darmstadt engagiert sich mit eigenem Programmbeitrag, mit der Ausgestaltung und Bereitstellung von Veranstaltungsräumen sowie künstlerisch-organisatorischer Unterstützung auf den Darmstädter Tagen der Fotografie.
Fotografie-Dozent Prof. Dr. Christoph Scholz vom h_da-Fachbereich Gestaltung hat sich zusammen mit Ute Noll, Kuratorin und Bildredakteurin der Frankfurter Rundschau, als externer Experte in der Auswahl-Jury für die Hauptausstellung der Darmstädter Tage der Fotografie engagiert: »Die vierzehn Künstlerinnen und Künstler der Hauptausstellung im Designhaus auf der Mathildenhöhe haben wir ausgewählt, weil sie sich in ihren Arbeiten mit Wahrheit aus verschiedenen Blickwinkeln auseinander setzen. Sie wollen den ungeklärten Raum erforschen, der zwischen der Wahrheit und der Wirklichkeit liegt. Ihre Gedanken visualisieren sie meist in konstruierten Bildern. Obwohl viele der gezeigten Arbeiten manipuliert sind, ist das kaum sichtbar für den Betrachter.«
Als Beitrag der h_da zu den Darmstädter Tagen der Fotografie hat Scholz den Titel der Darmstädter Tage der Fotografie auch zum Seminarthema gemacht. Als Ergebnis werden Studierende der h_da Arbeiten zum Thema Überblick – Konstruktionen der Wahrheit am Fachbereich Gestaltung im Olbrichweg 10 vorstellen. Ihre Arbeiten werden in einen visuellen Dialog treten mit Exponaten Studierender der FH Dortmund, die von Prof. Cindy Gates angeleitet wurden.
Neben der künstlerisch-organisatorischen Unterstützung, engagiert sich die h_da in vielfältiger Weise in der Bereitstellung und Gestaltung von Räumlichkeiten für die Darmstädter Tage der Fotografie.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2007
Darmstädter Tage der Fotografie
h.r. DARMSTADT. Eine Frau geht mit einem kleinen Mädchen am Strand spazieren, die Wellen umspielen ihre Füße, es ist eine heitere und harmlose Szene wie bei einem typischen Urlaubsfoto. Was der Betrachter nicht weiß: Die erwachsene Frau und das Kind sind identisch. Die Fotografin Chino Otsuka hat das Bild manipuliert, technisch äußerst perfekt und künstlerisch mit der Absicht, die eigene Vergangenheit mit der Gegenwart zu konfrontieren. Ist das eine erlaubte Manipulation, die eine – höhere – biographische Wahrheit widerspiegelt? Besucher der Darmstädter Tage der Fotografie, die vom 20. April bis zum 22. April veranstaltet werden, dürfen sich diese Frage immer wieder stellen.
Unter dem Titel Überblick – Konstruktionen der Wahrheit zeigen zahlreiche Künstler und Fotografen aus Europa sowie den Vereinigten Staaten drei Tage lang Arbeiten, die mit der Bildrealität auf ganz eigene Weise umgehen. So wie Otsukas Strandspaziergang konstruiert ist, so sind es die Wolkenbilder von Gerhard Lang, die mit einer alten Phantombildkamera des Bundeskriminalamtes gemacht wurden, oder jene echten und unechten Türkinnen, die Katharina Mayer unter dem sprechenden Titel Getürkt in Szene setzt.
Die Tage der Darmstädter Fotografie finden in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Organisiert werden sie von einem Team um die beiden Fotografen Alexandra Lechner und Albrecht Haag, das mit der Bildredakteurin Ute Noll als Kuratorin und dem Hochschullehrer Christoph Scholz vom Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt zusammenarbeitet. Die Hauptausstellung, in der Arbeiten von 14 ausgewählten Fotokünstlern zu sehen sind, wird am 20. April um 18 Uhr im Designhaus im Eugen-Bracht-Weg eröffnet. Weitere Fotos sind über das Wochenende auf der Mathildenhöhe im Museum Künstlerkolonie, in der Galerie Maria Kohl, dem Deutschen Polen-Institut sowie am Fachbereich Gestaltung zu sehen, wo Studenten ihre Arbeiten zum Thema in einen visuellen Dialog mit Fotografien von Studenten der FH Dortmund treten lassen. Am Sonntag, 22. April, präsentieren sich insgesamt 37 Fotografen an 16 über die Stadt verteilten Orten. Alle Ausstellungen sind unentgeltlich zu besuchen.
Zu den Höhepunkten der Veranstaltung zählt am 21. April ein Symposion, auf dem Fotokünstler, Philosophen und Wissenschaftler über das Thema Konstruktionen der Wahrheit diskutieren. Es beginnt um 9.30 Uhr am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt, Olbrichweg 10.
Detailinformationen zum Programm gibt es im Internet unter www.dtdf.de, vom 7. April an liegt in Darmstadt außerdem das Programmheft aus. Rainer Hain
Frankfurter Rundschau, 07.04.2007
3. Darmstädter Tage der Fotografie laden zu Bilderschau und Diskussion / 50 Teilnehmer an 16 Orten am Start
Extreme Sturmböen, nein, ein richtiger Tornado ist auf dem Foto zu sehen. Dass sich so ein Naturschauspiel fotografieren lässt, ist kaum zu glauben. Und Volltreffer – der Tornado ist gar kein echter. »Sonja Braas hat ihn im Studio fotografiert«, sagt Albrecht Haag vom Verein Darmstädter Tage der Fotografie. Wie sie das Sturm-Modell allerdings zustande gebracht hat, weiß er nicht. Mit Leim und Holz gebaut? Am Computer programmiert? Keine Ahnung. Nur so viel: Die Foto-Künstlerin habe im Studio mit der Kamera auch eine Flutwelle festgehalten.
Zu sehen sind Werke von Braas und die weiterer 49 Künstler ab 20. April bei den 3. Darmstädter Tagen der Fotografie. Haag organisiert sie zusammen mit Alexandra Lechner vom Trägerverein. Titel der Ausstellung: Überblick – Konstruktionen der Wahrheit. Das Thema sei zurzeit bei Fotografen und Künstlern hochaktuell, sagt Lechner. Selbst wenn es keine Digitalfotografie sei, bei der sich Bilder manipulieren lassen. »Ein Foto stellt nur einen Ausschnitt aus der Realität dar.«
Phantombilder aus dem Computer
Wie dieses gewohnt Ausschnitthafte das Sehen beeinflusst und den Anspruch auf Wahrheit verbreitet, macht die Ausstellung mit Bilderserien deutlich. So hat die Künstlerin Katharina Mayer Frauen in Kleidern abgelichtet, deren Farben und Muster als typisch türkisch gelten. Allerdings sind es gar keine Türkinnen, sondern Mayer selbst, die die Gewänder trägt. Reingefallen! Getürkt eben, so der Titel ihrer Serie. Ähnlich sieht es mit Arbeiten von Gerhard Lang aus. Er zeigt getürkte Wolken, Phantombilder, die er am Computer erstellt hat. Irgendwann werde er seine Wolken auch mal am Himmel antreffen. Davon gehe Lang zumindest aus, sagt Albrecht Haag schmunzelnd.
Neben 13 Künstlern, die sich bereits in der Foto- und Kunstszene etabliert haben und ihre Werke im Designhaus zeigen, treten im Rahmenprogramm der Foto-Tage 37 weitere Künstler an den Start. Über Darmstadt verteilt, sind ihre Arbeiten an 15 verschiedenen Orten zu sehen. »Wir vernetzen die Orte in Darmstadt«, sagt Haag. Mit dem Taxi, das der Verein bereitstelle, gelangten die Leute nicht nur problemlos von einem Teil der Ausstellung zum nächsten, sondern kämen zudem miteinander ins Gespräch. Vorteilhaft für den Austausch und neue Kontakte erscheint den Veranstaltern auch die kurze Dauer der Bilderschau. In Hamburg oder Berlin gingen solche Treffen über mehrere Wochen. Die drei Tage in Darmstadt seien hingegen »ganz dicht an den Fotografen« und »voll mit Gesprächen«, sagt Alexandra Lechner. Auch deswegen sähen Kunstschaffende die Darmstädter Tage inzwischen weit über die Stadt hinaus als Netzwerk. »Das macht uns aus, das hat Charme«, sagt Albrecht Haag.
Neben dem Medium Bild nimmt der Verein das Konstruieren von Wahrheit auch mit Worten in den Blick. Begleitend zur Fotoausstellung, diskutieren das Thema bei einem Symposium Fotokünstler, Philosophen und Wissenschaftler und tauschen sich Interessierte bei einer Lounge miteinander aus.
Eröffnet wird das Festival 3. Darmstädter Tage der Fotografie am Freitag, 20. April, 18 Uhr, im Designhaus, Eugen-Bracht-Weg 6.
Programmpunkte am Samstag, 21. April, sind ein Symposium, 9.30 bis 18 Uhr, in der Hochschule, Olbrichweg 10, und ab 18 Uhr eine Lounge mit Musik und Ausstellungen im 603qm, Alexanderstraße 2.
Gespräche mit Fotografen und einen Rundgang durch Orte des Rahmenprogramms gibt es amSonntag, 22. April, 10 bis 18 Uhr.
Keine Kosten für die Teilnahme, Anmeldungen sind unverbindlich.
Infos im Netz: www.dtdf.de. Alexandra Niessen
Darmstädter Echo, 29.03.2007
Tage der Fotografie: Vom 20. bis 22. April wird Darmstadt wieder zum Zentrum der Bilder in Farbe und Schwarzweiß
DARMSTADT. Wahrheit? Lüge? Beim Betrachten von Fotografien neigt man dazu, den Bildern zu glauben. Sie sollen Realitäten zeigen oder sich ganz offen als gestellt, vielleicht gar als Kunstwerk offenbaren: Sonst würde die moderne Welt, die eine Bilderwelt ist, ja noch unwägbarer. Das ist ein Selbstschutz des Einzelnen, der von jedem Schlicht-Programm der Bildbearbeitung am häuslichen PC ad absurdum geführt wird. Und es ist immer wieder auch ein schöner Selbstbetrug, vor dem nun just Fotografen warnen. Die dritten Darmstädter Tage der Fotografie sollen vom 20. bis 22. April aufs Glatteis des schönen Scheins führen und im Überblick – Konstruktionen der Wahrheit (so der Ausstellungstitel) an die Wände der Ausstellungen an 17 Orten bringen. Sie führen die vielen Möglichkeiten des Betrugs vor Augen – nicht als Anklage, sondern sozusagen als Genussmittel, in der Form ästhetischer Erlebnisse, die schnell versöhnen mit dem Hohn der Täuschung.
»Uns geht es um die guten Bilder«, sagt der Fotograf Albrecht Haag, während er am Computer zeigt, was zu sehen sein wird. Zusammen mit Alexandra Lechner, die auch von der Arbeit mit der Kamera lebt, gehört er, wie schon in den Vorjahren, zu den hauptsächlichen Organisatoren vom Verein Darmstädter Tage der Fotografie. Und tatsächlich: Man ist schnell gefangen von der Qualität und vom – bisweilen bösen – Witz dieser Bilder. Es ist ein weites Feld der »Fakes«, wie derlei Täuschungen leichthin genannt werden. Zusammengebracht haben sie die Fotografen, die sich zu dem Verein zusammengeschlossen haben, gemeinsam mit der Kuratorin Ute Noll und Kris Scholz vom Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt.
Konstruktionen der Wahrheit: Da mag es zunächst verwundern, wenn Haag auch in diesem Zusammenhang davon spricht, dass man bei der Auswahl der eingereichten Bilder für die Ausstellungen vor allem nach »Geschichten dicht am Leben« suche. Doch der Blick auf die Fotografien, die in der Hauptausstellung im Designhaus zu sehen sein werden, belehrt eines Besseren. Es ist dicht am Leben, wenn Oliver Boberg Häuser, Baustellen, Zerstörungen der Moderne in unseren Städten vorführt – solche Scheußlichkeiten gibt es. Und doch ist alles, was da (auch im übertragenen Sinn) wie Nahsicht auf unsere Betonwelt wirkt doch nur im Studio gestellt und am Computer gut nachbereitet. Ähnliche Bilder – freilich »vor Ort« aufgenommen – haben durch Bernd und Hilla Becher in den vergangenen Jahrzehnten die Architekturfotografie und dadurch auch unsere Sicht auf die Umwelt revolutioniert.
Der asiatische Tsunami ist als Schrecken in Erinnerung, und er hat viele Filme über gefährliche Stürme nach sich gezogen. Warum sollte man also Sonja Braas nicht glauben, wenn sich auf ihrem großen Bild ein Tornado bedrohlich dreht? Das scheint Natur pur. Dennoch ist auch diese Umweltkatastrophe nur Computerwerk. Groß, klein, jetzt oder vergangen: Auch die Fotografinnen Julia Fullerton-Batten und Chino Otsuka spielen am Computer mit den Eckpunkten der menschlichen Wahrnehmung, wenn in Fullerton-Battens Teenager-Geschichten das junge Mädchen im Vergleich zur Häuserzeile wie ein weiblicher Riese aus Gullivers Reisen erscheint oder Otsuka sich als Erwachsene auf einem Strandfoto neben das Mädchen stellt, das sie einst war. Sie begegnet sich selbst auf diesem Bild, macht dabei die eigene Geschichte noch mehr zur Privatangelegenheit, weil keiner weiß, was da zu sehen ist. Dem Betrachter wird sie in der Ausstellung nur einen Hinweis geben, den dieser kaum entschlüsseln kann: 1982/2004 soll neben dem Bild zu lesen sein.
Katharina Mayer bringt schon im Titel ihrer Bilderserie auf den Punkt, worum es ihr geht. Sie wollte für Getürkt eigentlich nur türkische Frauen fotografieren, erzählen Albrecht Haag und Alexandra Lechner. Doch das gestaltete sich schwierig, weswegen die eigenen Freundinnen in lange Röcke und Kopftücher gebannt wurden. Nun wechseln »echte« und »falsche« türkische Frauen, und es kann faszinieren, wenn nur die blauen Augen einer jungen Frau verraten, dass nun wohl eine Deutsche zu sehen ist.
Claudio Hills bleibt in seiner Bilderserie Archiv Belfast auf dem Boden kriegerischer Tatsachen. Er ist in der nordirischen Stadt in Archive gegangen, hat dort über Gräuel erst gelesen, um dann im zweiten Schritt die Spuren dieses Krieges in Worten an Architekturen wiederzufinden. Seine Erkenntnis: Auch Wort und Bild passen oft nicht zueinander, erzählen verschiedene Geschichten, sind entweder so wahr oder eben auch anders.
Das macht skeptisch den täglichen Nachrichten gegenüber. Bild und Text sollen darin eins werden, sich gegenseitig ergänzen. Wie entscheidend das Bild jedoch den Pflock der Wahrnehmung schon vor dem Lesen einrammen kann, wird deutlich in den angeblichen Pressebildern von Michael Schäfer. Man reimt sich die Geschichte des Managers schnell zusammen, der in seinem Foto so verzweifelt scheint hinter einer Unzahl von Mikrofonen: Wieder ein Bestechungsskandal in Wirtschaft oder Sport, von dem man nur noch nichts gehört hat?
Weit gefehlt, denn auch hier ist alles gestellt. Schäfer hat ein Medienereignis geschaffen, das im Negativen fast so unwiderstehlich scheint wie der Eisbär Knut im Positiven. Seine Bilder treiben damit auf die Spitze, was ein wichtiges Thema des ganztägigen Symposiums zu diesen Tagen der Fotografie sein wird. Petra Schrott, die selbst Bildredakteurin bei der Berliner Tageszeitung (TAZ) ist, hat ihren Vortrag mit einem Aphorismus überschrieben: »Am Ende siegt immer die Wahrheit. Doch leider sind wir erst am Anfang.« Annette Krämer–Alig
Darmstädter Echo, 29.03.2007
Viel Programm an drei Tagen
Über 50 Fotografen werden vom 20. bis 22. April bei den drei Darmstädter Tagen der Fotografie ihre Arbeiten zeigen. Neben der Hauptausstellung im Designhaus am Eugen-Bracht-Weg, die Positionen von 14 zeitgenössischen Fotokünstlern zeigt, gibt es Ausstellungen mit Arbeiten 37 weiterer Fotografen an 16 Orten in der Stadt sowie ein umfangreiches Rahmenprogramm.
Die Eröffnung im Designhaus am Freitag (20.) beginnt um 18 Uhr mit einer Einführung von Kuratorin Ute Noll. Weitere Ausstellungen rund um die Mathildenhöhe sind ab diesem Abend auf der Mathildenhöhe im Museum Künstlerkolonie, in der Galerie Maria Kohl, im Deutschen Polen-Institut und am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt zu sehen, in der Stadt finden sich die Bilder zum Beispiel im Schlossmuseum, im Hessischen Staatsarchiv oder der Galerie C. Klein.
Zum Rahmenprogramm gehört auch eine Ausstellung zum Thema Überblick, die der Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt vorbereitet hat und im Foyer der Hochschule am Olbrichweg 10 zeigt. Die Studenten wollen mit ihren Arbeiten unter der Leitung ihres Professors Kris Scholz in dieser Schau in einen visuellen Dialog mit Arbeiten von Studierenden der Fachhochschule Dortmund treten. Sie werden damit sicher Beachtung finden. Denn die Räume der Hochschule werden am Samstag (21.) von 10 bis 18 Uhr auch Ort des Symposiums sein, das wie immer ein Teil der Fototage ist. Fotokünstler, Philosophen und Wissenschaftler beleuchten dann das Thema der Fototage mit Vorträgen. Wer daran als Zuhörer – kostenlos – teilhaben möchte, kann sich auf der Internetseite www.dtdf.de anmelden. Das Gespräch über das Gehörte ist am Samstagabend in entspannter Atmosphäre möglich: Die Veranstalter laden ab 18 Uhr zum Get together ihrer Lounge in die Kulturhalle 603qm (ehemalige Stoeferlehalle) ein. Am Sonntag (22.) sind alle Ausstellungsorte von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Für die Rundfahrt durch die Stadt steht ein Shuttleservice für alle Besucher zur Verfügung. Das Festival ist für die Besucher kostenlos. Der Katalog als umfangreiche Sammlung zum Thema mit allen Ausstellungen und Beiträgen des Symposiums erscheint zum Festival.
Das genaue Programm, das auch eine Karte der Haltestellen des Shuttle-Dienstes enthält, wird im ECHO am 7. April in einer Extra-Beilage zu lesen sein. Annette Krämer–Alig
Darmstädter Echo, 7.11.2006
Fototage: Darmstadt wird im kommenden April wieder zur Hochburg der Kamerakunst
DARMSTADT. Es ist wieder soweit. Die Darmstädter Tage der Fotografie melden sich zurück: Man sucht nach den Teilnehmern für den kommenden April, wenn wieder ein Wochenende lang an vielen Ausstellungsorten in Darmstadt gezeigt werden wird, was Fotografen zu einem Thema zu zeigen haben. Überblick – Konstruktionen der Wahrheit heißt das Thema dieses Mal. Noch bis Mittwoch (15.) ist die Bewerbung möglich.
Veranstalter ist, wie gehabt, der Verein der Darmstädter Tage der Fotografie, zu den hauptsächlichen Organisatoren gehören erneut Alexandra Lechner und Albrecht Haag. Sie wollen die stete Diskussion über den Wahrheitsbegriff in der Fotografie ins Zentrum stellen – und die Möglichkeiten der Fotografen, dafür zu sorgen, dass ihre Bilder bei vielen Betrachtern als authentische Spiegel einer Situation ankommen. »Alle wissen eigentlich, dass alles möglich ist, aber jeder macht selbst Bilder, die er für wahr hält – selbst mit dem Handy«, sagen Lechner und Haag. Die Wirklichkeit wird im Foto zur Möglichkeit, was auch Künstler dazu bringt, ihre wahren Bilder in Ausstellungen zu bringen, die Mensch für Mensch, Situation für Situation und Detail für Detail gestellt wurden.
»Das Thema ist weit gefasst«, sagen die Veranstalter. Aber sie sind sicher, dass ihre Auswahlkriterien greifen. Man ist zuversichtlich, dass im kommenden Frühjahr alles seinen erfolgreichen Weg gehen kann und arbeitet wieder mit Galerien und Ausstellungshäusern zusammen – in den Vorjahren waren die Bilder unter anderem im Museum Künstlerkolonie, dem Schlossmuseum und der Kunsthalle am Steubenplatz zu sehen. Nur die große Schau im Hessischen Designzentrum wird allein von den Veranstaltern zusammengestellt.
Zu den Bildern werden sowohl ein Symposium kommen, bei dem Fotokünstler, Philosophen und Wissenschaftler sich zur Wahrheit in der Fotografie äußern sollen, als auch die abendlichen Lounges in 603 qm in der ehemaligen Stöferlehalle. Auch ein Katalog soll in Druck gehen: »das, was bleibt«, wie Alexandra Lechner sagt. Der Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt ist schon jetzt mit seiner ergänzenden Ausstellung zum Thema beschäftigt, vielleicht kommt dazu wie im Vorjahr der Austausch der Bilder mit einer anderen Hochschule zustande.
Das Konzept der vielen Bilder an wenigen Tagen ist erfolgreich, es gab die erwünschten vielen Besucher, was auch die Sponsoren zu würdigen wissen – nicht nur die Stadt Darmstadt oder das Land Hessen als sozusagen offizielle Geldgeber sind freigiebig, auch das ECHO will beispielsweise zum Termin wieder eine Beilage herausbringen, in der nicht nur die inhaltlichen Ziele der Veranstaltung dargelegt werden, sondern auch die Zielorte samt Karte. »Wir gehen davon aus, das Festival ist finanziert«, sagen Alexandra Lechner und Albrecht Haag.
»Wir wollen Künstler und Orte zusammenbringen«, erklären sie. Die Ausschreibung wurde unter anderem im Internet über die Seite Photography now herausgegeben, die eine Streuung zwischen 7000 und 8000 registrierten Adressen hat. Den Veranstaltern liegt aber auch sehr viel daran, dass sich bis zum Bewerbungsschluss noch einige Fotografen aus Darmstadt und der Region melden, die ihre Aufnahmen zeigen wollen und sich der Auswahljury stellen. Zu dieser Jury gehören neben vier Mitgliedern des Vereins der Tage der Fotografie, wie gehabt, Kris Scholz von der Hochschule Darmstadt und Ute Noll, Bildredakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Die Vorjahre haben gezeigt, dass von 100 Bewerbern rund dreißig Fotografen ausgestellt werden.
Die Bewerbung ist einfach: Auf der Internet-Seite des Vereins gibt es den Link zum Anmeldeformular, eingereicht werden müssen ein Konzept und das Bild, das ausgestellt werden soll: »ein DIN-A4-Ausdruck reicht«, sagt Alexandra Lechner. Sie erklärt auch, dass die Teilnahmegebühr von 25 Euro zunächst hoch erscheinen mag, »aber für uns ist das eine Art Verwaltungsgebühr«. Für die jeder Teilnehmer zudem etwas erhält: Wer sich anmeldet, aber nicht mitmachen kann, bekommt als Leistung einen Katalog. Wer dabei ist, steht dann mit seinem Bild ja selbst im Buch.
Die Bewerbungsunterlagen sind unter www.dtdf.de abrufbar. Annette Krämer–Alig