
Fotofeinkost 01.05.2009
Suite 101 28.04.2009
Darmstädter Echo 27.04.2009
Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.04.2009
Frankfurter Rundschau 23.04.2009
Darmstädter Echo 22.04.2009
Darmstädter Echo 09.04.2009
Darmstädter Echo 04.02.2009
Darmstädter Echo 01.10.2008
Fotofeinkost (fotofeinkost.de) 01.05.2009
Um den niederländischen Fotografen Erwin Olaf herrscht derzeit ein ziemlicher Hype. Wie schafft es ein Fotograf, so bekannt zu werden, und wie lange dauert es? Um das herauszufinden, muss man nur einen Vortrag von Erwin Olaf besuchen. In Darmstadt bestand im Rahmen der Darmstädter Tage der Fotografie die Gelegenheit, von ihm persönlich etwas über den Verlauf seiner Karriere zu erfahren. Abends war Erwin Olaf zudem im Fotografie Forum international in Frankfurt zu Gast.
[…]
Die Arbeiten von Erwin Olaf sind ja teilweise sehr speziell, aber er selbst kommt unkompliziert rüber. Dass er als junger Fotograf auf der Straße angesprochen wurde, ob er nicht ein Buch machen wolle, erzählt er. Und dass ihm das noch ein weiteres Mal passiert sei, und er das schon für normal hielt. Eine kuriose Anekdote ist, dass der potenzielle Verleger von 32 Bild-Seiten sprach, er dann etwas über Schach sah, und so auf die Idee zu seiner ersten großen Serie Chessmen kam. Die war noch stark unter dem Einfluss von Joel Peter Witkin (die älteren unter uns erinnern sich, die jüngeren gucken mal hier). Der Fotograf Paul Blanka riet ihm damals, er solle nicht auch noch, wie Witkin, die Negative zerkratzen. Robert Mapplethorpe war ein (sehr) anderes Vorbild, dem Erwin Olaf ebenfalls folgte. Nicht nur wegen des quadratischen Formates, auch wegen der Sujets erinnern besonders die frühen Olaf-Arbeiten an den berühmten amerikanischen Fotografen. Bekannt wurde Olaf durch eine Eigenwerbung, die er an Artdirektoren und andere potenzielle Auftraggeber versandte. Ein absolutes Musterbeispiel, wie man es richtig macht: Die Aussendung soll in Erinnerung bleiben und dieses Motiv bleibt in Erinnerung, kein Zweifel.
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Er zeigte Joy, 1985 auch als erstes Beispiel für den perfekten Moment innerhalb einer konstruierten Situation, dem kleinen Rest an nur schwer zu kontrollierender Realität, die dem Fotografen zuspielt: Der Blick des Models macht es erst perfekt. Seitdem hat Olaf, wie es in der Biografie auf seiner Webseite so schön heißt, »continued to explore issues of gender, sensuality, humor, despair and grace in each successive series.« (Dort kann man alle wichtigen Fotos ansehen.)
Und vor allem bekam er ziemlich viele Aufträge aus der Modebranche und Werbung. Interessant ist das vor allem, weil Erwin Olaf sich eben nicht wie der ›normale‹ Fotograf von einem Auftrag zum nächsten gekämpft hat, sondern freie Arbeiten entwickelte, und auf diese hin dann Werbeaufträge bekam, bei denen er nur leicht modifizieren musste. Der Vorteil ist dabei natürlich, dass man immer machen kann, was Spaß macht. Erwin Olaf hat jedenfalls keine Lust, in unkontrollierbaren Settings zu arbeiten. Er lässt bauen. Und wenn eine Steckdose im Bild ist, dann hat er vorher entschieden, dass die an dieser Stelle eingebaut werden soll. Er liebt das Zusammenspiel im Team, bei dem sich Ideen in dem Rahmen entwickeln, den er vorgegeben hat.
Geradezu konstitutiv für Werbung und Werbefotografen ist anscheinend das Denken in schlichten Gegensätzen: Bilder ganz in schwarz, darauf dann eine Serie alles ganz hell; und auf die Serie Hope (2006) folgt die Serie Grief (2007). Und bei den Fashion Victims (2000) bekommen schöne Körper Label-Tüten über den vielleicht nicht so schönen Kopf gestülpt. Amüsant an dieser Serie ist immerhin, dass sich die Fotos am besten verkauften, auf den die Tüten mit den teuersten Labels abgebildet waren!
Zu den wohl schockierendsten Erfahrungen in seiner Karriere gehörte der beißende Kommentar einer amerikanischen Museumskuratorin, der er seine Serie Royal Blood (2000) vorstellte. Sie sagte: »We call this euro trash!« Dafür verkauft er seine Arbeiten in europäischen Galerien wie geschnitten Brot. Und seine Galerie in New York vertritt, so schließt sich der Kreis, exklusiv Joel Peter Witkin.
Erwin Olaf wird in diesem Jahr 50. Es gehört eben auch eine gehörige Portion Ausdauer dazu, ganz nach oben zu kommen. Erwin Olaf wirkt wie jemand, der ziemlich viel Spaß dabei gehabt hat – und noch haben wird.
Der vollständige Artikel ist unter folgendem Link abrufbar:
http://www.fotofeinkost.de/2009/05/01/erwin-olaf-in-darmstadt/
Suite 101 (suite101.de) 28.04.2009
Merck-Preis für Nils Klinger / 60 Fotografen zeigen ihre Visionen
Vision – Aussicht aufs Leben lautete das Motto der fünften Darmstädter Tage der Fotografie 2009 mit fotografischen Werken von 60 Künstlern.
Treffen – reden – sehen. Mit dieser Absicht kommen einmal jährlich an einem Wochenende deutsche und zunehmend ausländische Fotografen, vor allem auch fotointeressierte Menschen in gut einem Dutzend Gebäuden rund um die Darmstädter Mathildenhöhe und im Stadtgebiet zusammen. Einzelausstellungen und eine Gruppenausstellung mit Werken von 60 Fotografen fand 2009 unter anderem im Design-Haus statt.
Organisationen wie das Polen-Institut, das Museum Künstlerkolonie, die Kunsthalle Darmstadt oder die Fachhochschule für Gestaltung nutzen die Möglichkeit, ihre Häuser für ein breites Publikum zu öffnen, indem sie Fotoexponate zeigen. Bei schönem Wetter lockt die Veranstaltung deshalb zahlreiche kunstsinnige Wochenend-Spaziergänger ein. Die Fachleute wiederum debattieren und bilden sich in den Vorträgen eines Symposions weiter. Das Darmstädter Pharma-Unternehmen Merck beteiligt sich seit dem Jahr 2008 mit der Stiftung eines Preises für einen der Aussteller, und zwar wird dieser »für die am besten präsentierte und dicht am jeweiligen Jahres-Thema orientierte Arbeit« vergeben. Zufällig fand diese Verleihung zeitgleich mit der Verleihung des Europäischen Architekturfotografiepreises im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt statt.
Der mit 5.000 € dotierte Merck-Preis wurde 2009 an den Fotografen Nils Klinger vergeben, der sich mit Aufnahmen zum Thema Demarkation beworben hatte. Seine Arbeit befasst sich mit Fluchtversuchen entlang der ehemaligen innerdeutschen und der Berliner Grenze in den Jahren 1949 bis 1989. Dazu studierte Klinger Protokolle der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) und Interviews von Zeitzeugen. Ihn interessierten die individuellen menschlichen Schicksale der teils geglückten, teil tragisch gescheiterten Fluchtversuche. In seinem Begleittext zieht Klinger eine Linie von der Vergangenheit in die Gegenwart: »Fast täglich landen afrikanische und asiatische Flüchtlinge an der spanischen und italienischen Küste, versuchen Mexikaner über die US-amerikanische Grenze zu gelangen und sterben Nordkoreaner bei der versuchten Flucht nach Südkorea.«
[…]
Die Jury des Merck-Preises begründete ihre Entscheidung mit folgenden Worten: »Überzeugt hat die grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Thema Flucht, welches auch heute noch weltweit ein aktuelles und wichtiges Thema ist. Menschen riskieren für Ihre Vision von Freiheit ihr Leben. Die fotografische Inszenierung ist eindringlich und das Bild-Text-Konzept macht die Situationen erlebbar. Die Präsentation im Museum Künstlerkolonie unterstützt die Individualität der Fälle, die immer Einzelschicksale bleiben.«
Andrea Reidt
Der vollständige Artikel ist unter folgendem Link abrufbar:
http://fotografie.suite101.de/article.cfm/darmstaedter_tage_der_fotografie_2009/
Darmstädter Echo 27.04.2009
Tage der Fotografie: Das Darmstädter Festival kann erneut die schon gewohnte Erfolgsbilanz ziehen – Die ›Vision‹ lockt die Besucher an 13 Ausstellungsorte
DARMSTADT. Vor der hinteren Tür des Museums Künstlerkolonie genießen Fotokünstler und Besucher den lauschigen Freitagabend. Es wird oft Wiedersehen gefeiert: Viele Fotografen kennen einander. Mit den vielen anderen Gästen plaudern sie in dieser Umgebung zum Sekt.
Gerade haben Daniele Bruns vom Sponsor Merck und die Initiatoren der Fototage im Museum den Merck-Preisträger für dieses Jahr bekannt gegeben. Nils Klinger (Kassel) erhält den mit 5000 Euro dotierten Preis: »unseren Oscar«, wie Bruns sagt, die gleich hinzufügt, dass es die Auszeichnung auch nächstes Jahr geben soll.
Die tagesfrische Entscheidung sei den Juroren Albrecht Haag, Alexandra Lechner, Gregor Schuster sowie Rüdiger Dunker vom Verein Darmstädter Tage der Fotografie und ihrer Organisations-Mitstreiter Ute Noll und Kris Scholz wieder schwer gefallen, hat Haag auf dem kleinen Podium im Gedränge erklärt, als er Klinger die von ihm handbearbeitete Metallskulptur übergeben hat.
Im Museum Künstlerkolonie haben die drei Preis-Anwärter – neben Klinger auch Steffi Klenz und Maria-Franziska Löhr – ihre Arbeiten aufgehängt: mit eigenen Händen und in eigener Raumkomposition so gekonnt, wie dies als Werk der ausstellenden Fotografen an den kommenden zwei Tagen auch an den zwölf anderen Darmstädter Ausstellungsorten zu erleben ist.
Klingers mehrteilige Arbeit füllt eine ganze Wand: Demarkation befasst sich mit Fluchtfällen aus den Jahren der Zonengrenze zwischen DDR und Bundesrepublik. Er hat auf einen Blick gebracht, was in den danebenhängenden kurzen NVA-Protokollen über versuchte oder geglückte Fälle der Flucht aus der DDR zu sehen ist. Eindringlich sei diese Inszenierung, meint die Jury.
Eindringlich ist auch das Symposium am Samstag, das wie in den Vorjahren wieder gut besucht ist – »mit Feedback auch von den Fotografen«, wie Albrecht Haag sagt. Ein Höhepunkt dieser Veranstaltung mit sieben Referenten ist Walter Schels' Vortrag Lebensweg: Er ist ein Star, dem die Fotoszene Achtung zollt, und erzählt hier aus dem eigenen Leben.
Vision – Aussicht aufs Leben ist das Motto dieser fünften Tage der Fotografie. Eindringlich sind die Räume im Designhaus, wo die kuratierte Hauptpräsentation hängt; Verblüffende Parallelen oder Ergänzungen zu ihren Bildthemen finden sich aber auch an den anderen Ausstellungs-Orten. Die meisten Bilderserien sind eine Bestandsaufnahme: Eine mögliche Zukunft der Menschen in diesen Bildern müssen die Besucher sich im Kopf selbst ergänzen. Die Fragwürdigkeit unserer Tage eines weltpolitischen Umbruchs wird dabei meist auf Individuen und ihre sehr persönliche, Welt heruntergebrochen.
Die Hauptausstellung ist thematisch gegliedert: Glaube und Werte, die Veränderung des Menschenbildes, Visionen junger Leute, Lebensräume und menschliche Beziehungen. Michael Najjar hat seine Fragen zur menschlichen Zukunft in einer Zeit der Genveränderung und gegen deren vielleicht böse Folgen, gegen die Homo Sapiens dann wie Laokoon ankämpfen muss, in Übergröße an die Wand gebracht. Berufsanfänger, die sich in einer Selbstinszenierung schon vor der Prüfung auf einen eiskalten Weg zur Chefetage begeben, lässt Michael Schäfers Bilderserie dagegen in realistischerer Höhe und Breite Richtung Besucher blicken. Schwarzweiß bringt Andreas Herzau seine Serie If god is a DJ als Bilanz des Kölner Weltjugendtages mit Papstbesuch und einer halben Million Gläubiger auf den Punkt der Emphase. Aufbruch, Umbruch, Hoffnung, Tragik, Glaube, Resignation, Intimität und Inszenierung von Meinung für die Medien: alles da im Designhaus.
In der Villa drängen sich die Besucher am Eröffnungsabend. Weit weniger Menschen gehen dagegen die wenigen Meter zum Polen-Institut. Aber das ist kein Versäumnis, sondern sozusagen der Beginn von klein, aber fein in den Präsentationen der Darmstädter Ausstellungstournee an den beiden folgenden Tagen.
In der kleinen Präsentation von Familienbildern hat der Pole Przemyslaw Popkrycki mit seinen Mehr-Personen-Porträts quasi alltägliche Lebensrhythmen in seine Bilder gebannt. Hochzeiten, Kommunionfeiern, Totenwachen – jede der gezeigten Familien feiert ein bisschen anders, jede stellt sich dabei nicht nur durch die Frontalansicht in Szene, sondern auch als gefestigte Einheit.
My home is my Castle: Die kleine Familienwelt soll fast immer regieren. Deshalb können auch Wohnsiedlungen durch Fenster oder Fassaden markant das gewünschte eigene Sein ihrer Bewohner markieren. Andreas Machanek hat in seiner Bilderserie die offenbar immer wieder nachgeschönten Doppelhäuser einer Kleinbürgersiedlung dokumentiert. Genauso individualisiert wurde in Johanna Ahlerts Arbeiten aber auch die nur angeblich alternative Wagen-Siedlung.
Schränke voller Strampler im ehelichen Kinderzimmer oder eine Mickey-Maus-Schwemme in der Wiege des Homosexuellen-Haushalts: Bei Dona Schwartz zeigen Paare in der Schau des Darmstadtiums persönlichen Geschmack, der wohl auch Charakter belegen soll. Ähnlich inszenieren sich jedoch auch die Damen vom Pudelklub oder die wegen ihres Lasters eingesperrten Raucher bei Ursula Sprecher und Andi Cortellini im Designhaus.
Die Tage der Fotografie ziehen eine technisch und inhaltlich immer wieder brillante Bilanz. Wo aber bleiben die gesellschaftlichen Utopien bei solchen ›Visionen‹? Es gibt nur wenige, widersprüchliche, meist negative. Im Raum der Galerie Zeitweise halten die Darmstädter Lukas Einsele und Andreas Zierhut dagegen. Sie präsentieren trotzig Das andere Afghanistan – zwölf Gruppenporträts, die im Sommer 2007 in Kabul entstanden und zeigen, dass es – jenseits unserer alltäglichen Nachrichten von Krieg und Zerstörung – auch viele positive Entwicklungen bis hin zur Kulturstiftung im Land gibt.
Annette Krämer-Alig
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Thema der Darmstädter Tage der Fotografie: ›Vision – Aussicht aufs Leben‹
ziz. DARMSTADT. Zum fünften Mal inszenieren fünf Darmstädter Fotografen am Wochenende die Darmstädter Tage der Fotografie. »Wir haben uns etabliert und werden ernst genommen«, verkünden zwei von ihnen, Albrecht Haag und Alexandra Lechner, nicht ohne Stolz. Das in fünf Jahren stetig gewachsene Programm und die Zahlen, die sie dazu nennen, sprechen für diese Aussage. Von morgen bis Sonntag stellen rund 50 Fotoschaffende an 13 Orten in der Stadt ihre Arbeiten aus. Das gemeinsame Thema heißt Vision – Aussicht aufs Leben, das sie freilich recht unterschiedlich ins Bild setzen. »Es gibt zwei Sorten von Fotografen, die einen arbeiten als Dokumentaristen, die anderen haben eigene Bilder im Kopf, die sie umsetzen; Und dabei erzählen sie Geschichten«, erläutert Haag die Spannweite der Arbeiten, die zu sehen sein werden.
Das Konzept der Darmstädter Tage der Fotografie ist von Anfang an die Bündelung auf ein Wochenende gewesen, bei dem neben den Ausstellungen ein Symposion zum jeweiligen Thema im Mittelpunkt steht. Dieses findet am Samstag mit sieben Vorträgen in der Aula des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstadt, Olbrichweg 10, statt. Fotografien sind unter anderem im Designhaus, wo das Fotofestival am Freitagabend um 18 Uhr eröffnet wird und wo die Hauptausstellung mit 14 Künstlern zu sehen ist, im Museum Künstlerkolonie, im Deutschen Polen-Institut, im Weißen Turm, im Offenen Haus an der Rheinstraße, in der Kunsthalle und als zentralem Ausstellungsort in der Centralstation ausgestellt. Thematisch sind die Arbeiten an den jeweiligen Orten gebündelt, so sind im Offenen Haus beispielsweise Fotos zu politischen Ereignissen, im Darmstadtium, das zum ersten Mal als Ausstellungsort teilnimmt, Lebenswelten aus verschiedenen Kulturen, in der Kunsthalle Arbeiten mit künstlerischen Vorbildern zu sehen.
Einzig unter den fünf bis sechs großen Fotografieausstellungen in Deutschland sei in Darmstadt, dass die Künstler während des Wochenendes anwesend seien und zum Gespräch mit dem Publikum zur Verfügung stünden, berichtet Haag. Zum zweiten Mal wird der mit 5000 Euro dotierte Merck-Preis verliehen, für den drei Fotografen von 38 Kandidaten nominiert sind. Die Entscheidung fällt erst unmittelbar vor der Verleihung, die am Freitagabend um 19.30 Uhr im Museum Künstlerkolonie stattfindet. Die Jury, die über den Preis entscheidet, sind die fünf Veranstalter des Festivals.
Finanziell stützen sich die Darmstädter Fotografietage auf Sponsoren und einen städtischen Zuschuss. Eigene Einnahmen erzielen die Veranstalter durch den Verkauf eines Kataloges und durch die Verlosung eines Ausstellungsoriginals der Fotografin Iris Wolf. Mit einer Spende von zehn Euro kann man an der Verlosung, die am Sonntagvormittag in der Centralstation vollzogen wird, teilnehmen. Über ihren Etat wollen die Veranstalter nicht so gern sprechen, um bei anderen Kulturinitiativen keinen Neid zu wecken, aber: »Genug Geld haben wir eigentlich nicht«, so Haag. Gleichwohl kosten die Darmstädter Tage der Fotografie keinen Eintritt, um möglichst viele interessierte Betrachter zu locken. »Die ganze Stadt ist gefüllt mit Fotografie, jeder kann sich mitreißen und berühren lassen«, wünscht sich Haag. Mit rund 3000 Besuchern rechnen die Veranstalter, mit einem unentgeltlichen Shuttleverkehr aus zehn Autos können die sich zwischen den einzelnen Ausstellungsorten hin- und herkutschieren lassen.
[…]
Wer Visionen habe, hat Helmut Schmidt einmal gesagt, der solle zum Arzt gehen. Nun, das kann man für die Politik bisweilen zwar anders sehen, doch für die Kunst, ja selbst für Werbung und Design gilt allemal das Gegenteil. Wo, wenn nicht hier, hätten Visionen ihren Ort? Und auch die Darmstädter Tage der Fotografie, die vom 24. bis zum 26. April nun schon zum fünften Mal stattfinden, hätte es ohne eine Vision der vier Initiatoren wohl kaum gegeben. Vision – Aussicht aufs Leben, so denn auch der zum kleinen Jubiläum passende Titel in diesem Jahr, bietet nach bewährtem Konzept ein interdisziplinäres Symposion, einen Workshop und vor allem zahlreiche Ausstellungen vorwiegend junger Fotokünstler rund um die Mathildenhöhe, aber auch in der Centralstation oder der Kunsthalle. Eröffnet wird die Veranstaltung morgen um 18 Uhr im Designhaus, Eugen-Bracht-Weg 6, wo allein 14 Positionen zu sehen sind. Samstag und Sonntag sind alle Ausstellungen von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
schü
Frankfurter Rundschau 23.04.2009
Am Anfang standen Vision, Elan und Tatkraft. Vor fünf Jahren rief ein Team junger Fotografen die Darmstädter Tage der Fotografie (DTDF) ins Leben. Der wachsende Erfolg dieser Idee, ein Festival zeitgenössischer Fotografie zu etablieren, lässt sich ganz einfach an den Rücken der Ausstellungskataloge ablesen. Albrecht Haag, einer aus der sechsköpfigen Machergruppe, stellt sie nebeneinander. »Sehen Sie selbst. Sie sind immer dicker geworden«, sagt er. »Inzwischen zählen die Darmstädter Tage der Fotografie zu den großen deutschen Fotokunstfestivals«, setzt er stolz hinzu.
Vision – Aussicht aufs Leben heißt das Thema der fünften Ausstellung. Darmstadt erlebt von Freitag. 24. April, bis Sonntag, 26. April, ein Wochenende moderner Fotokunst mit Symposien, Gesprächen und Ausstellungen. Präsentiert werden Arbeiten von Fotokünstlern aus Städten von New York bis Teheran.
»Die Stadt ist in das Festival einbezogen«, erläutert Alexandra Lechner, eine der engagierten Macherinnen. Neben der Hauptausstellung im Designhaus ist das Rahmenprogramm über zwölf Standorte verteilt. Von der Kunsthalle Darmstadt über Centralstation, Weißer Turm, Darmstadtium bis hin zum Museum Künstlerkolonie sind die Werke zu sehen. Dazwischen verkehrt ein Shuttle-Service – kostenlos.
Direkter Kontakt zum Künstler
In sieben Symposien wird über das Thema Vision debattiert werden – von der Fotografie bis zur Zukunftsforschung. »Unsere Idee war es von Anfang an, ein konzentriertes Wochenende der modernen Fotografie anzubieten – von Freitagabend 18 Uhr bis Sonntagabend 18 Uhr«, interpretieren die Macher ihr Konzept. Wichtig sei, wie schon vor fünf Jahren, der direkte Kontakt zwischen und zu den Fotokünstler vor Ort. Diesmal kommen rund 50 Fotografen, um über ihre Arbeiten zu diskutieren und ihre Werke zu erläutern. Nähe und Kontakt sind das Markenzeiten der Fotoschau geworden.
Vergeben wird bei den fünften Darmstädter Tagen der Fotografie zum zweiten Male auch der Merck-Preis, der mit 5000 Euro dotiert ist. Um den Preis haben sich 38 Künstler beworben, von denen drei vorausgewählt wurden. Der Preisträger wird am Eröffnungsabend im Designhaus bekannt gegeben. Eine Entscheidung der Jury fällt erst kurz vor der Veranstaltung, wenn alle Bilder gehängt sind. Bis dahin laufen die Vorarbeiten. Aus Amsterdam und Berlin sind noch Transporte unterwegs – Exponate für eine junge Schau mit bundesweitem Renommee.
Michael Grabenströer
Darmstädter Echo 22.04.2009
Tage der Fotografie: 38 Künstler in zwölf Ausstellungen: Am Freitagabend ist Eröffnung im Darmstädter Designhaus
DARMSTADT. Es wird kein weißer Rauch aufsteigen, wenn am Freitagabend der Gewinner des Merck-Preises 2009 gefunden ist. Ins Konklave gehen die Organisatoren der fünften Darmstädter Tage der Fotografie aber doch. Denn erst in den Stunden vor dem offiziellen Beginn dieser dreitägigen Veranstaltung sehen die Juroren vom Verein Darmstädter Tage der Fotografie sich im Museum Künstlerkolonie an, was ihre drei möglichen Preisträger Steffi Klenz (London), Maria-Franziska Löhr (Schnaittach) und Nils Klinger (Kassel) zum diesjährigen Fototage-Thema Vision – Aussicht aufs Leben an die Wände gebracht haben. »Wir entscheiden erst vor Ort. Denn manchmal sehen die Bilder im Ausstellungsraum ganz anders aus als in ihren kleinen Reproduktionen«, sagen Albrecht Haag und Alexandra Lechner, die zu den Veranstaltern der Fotografie-Tage gehören und auch mitentscheiden.
Der mit 5000 Euro und einer kleinen Metall-Plastik mit dem Logo der Fototage dotierte Merck-Preis wird zum zweiten Mal bei dieser Veranstaltung vergeben. Er ist den Eintrag in die Biografie des Gewinners allemal wert, wie Lechner und Haag stolz sagen: »Mittlerweile schafft es Renommee, wenn man bei unseren Fototagen ausstellen darf.« Die Bekanntheit der Veranstaltung bringt nicht nur eine Fotoklasse mit vierzig Teilnehmern aus Wiesbaden oder Fotografie-Professoren aus dem österreichischen Dornbirn nach Darmstadt, sondern auch Galeristen, die neues Material für ihre Ausstellungen suchen.
Wie wir berichtet haben, gab es 298 Bewerber, 38 davon wurden ausgewählt, drei in einer zweiten Sichtungsrunde zu den Preiskandidaten gekürt. Insgesamt sind 50 Bilder an zwölf über die Stadt verteilten Orten zu sehen, die Hauptausstellung ist wie in den Vorjahren im Designhaus auf der Mathildenhöhe. »Über zwei Stockwerke hinweg zeigen wir Arbeiten von 14 Künstlern«, erklärt Haag. Bei früheren Fotografie-Tagen gab es in diesem Haus nur eine Etage voller Fotografien: Das Wachstum ist Teil einer Erfolgsbilanz, die sich auch im von Jahr zu Jahr dicker werdenden Katalog oder in neuen Ausstellungsorten niederschlägt. Dieses Jahr sind beispielsweise erstmals das Darmstadtium und der Weiße Turm dabei. »Wir bringen Künstler zum Anfassen nach Darmstadt«, sagen die Organisatoren, die in den Vorjahren auf etwa 3000 Besucher insgesamt und auf bis zu 500 an einzelnen Ausstellungsorten kamen. »Besucher und Fotografen reden gern miteinander vor den Bildern«, meint Albrecht Haag. Wobei Kommunikation überhaupt ein Faszinosum dieser Dreitages-Ausstellungen zu sein scheint. Selbst in den zehn Auto-Shuttles, die jeden Besucher kostenlos von Ausstellungsort zu Ausstellungsort bringen, lerne man sich kennen und beginne auf kurzen Wegen angeregt zu diskutieren. »Die Dichte ist auch fürs Publikum charmant«, meinen die Organisatoren.
Am Samstag bieten die Vorträge des ganztägigen Symposiums in der Aula des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstadt auf der Mathildenhöhe den Diskussionsstoff: Fotografen, Designer und Wissenschaftler stellen ihre Visionen vor. Dabei ist unter anderem Andreas Haderlein, der Leiter der Zukunftsakademie des Kelkheimer Zukunftsinstituts. Für ihn verbinden sich Visionen nicht mit Vorstellungen oder Wünschen – seine Ausführungen stehen unter dem Titel Die Zukunft ist jetzt. »Bei der Wahl des Jahresthemas fragen wir uns zunächst immer, was die Menschen bewegt. Jetzt wurden wir mit unserem Thema von der Wirklichkeit mit Wirtschaftskrise und möglichen weltweiten Neuorientierungen eingeholt«, sagen Lechner und Haag dazu. Ihre Aussicht aufs Leben eröffnet eine große inhaltliche Bandbreite, was sich an den verschiedenen Ausstellungsorten in thematischen Gruppierungen spiegeln soll. Eher um die Suche nach politischer Orientierung geht es beispielsweise im Galerieraum von Zeitweise an der Rheinstraße, während modernes Zusammenleben im Darmstadtium zum Thema wird. Glaube und Werte, die Veränderung des Menschenbildes, Visionen junger Leute, Lebensräume und menschliche Beziehungen ziehen sich durch die Räume im Designhaus. Sehen, reden, zuhören. Die Besucher der Fototage können dies auch beim Late-Night-Konzert am Eröffnungsabend im Carree. Dort wollen die Jazzer Uli Partheil und Steffen Stütz ihre Visions als geheimes Leben von Pflanzen und mehr zu Gehör bringen. Samstags wird in der Kulturhalle 603qm eine Lounge eröffnet, die von Architekturstudenten der Darmstädter Hochschule gestaltet wird. Die Zusammenarbeit mit der Hochschule ist erprobt, was sich auch in einer Ausstellung im Foyer des Fachbereichs Gestaltung spiegeln wird. Im Visuellen Dialog stehen dort Arbeiten von Studenten aus Darmstadt und aus dem Londoner Camberwell College of Arts.
Der Andruck für die Titelseite des neuen Katalogs liegt schon vor, das Buch dazu wird zur Eröffnung fertig sein. Es ist ein Beispiel für den Einsatz der Veranstalter: »Der Katalog ist eine der Geldquellen. Er hat einen Verkaufswert von 20.000 Euro, kostet uns jedoch weniger.« Das braucht es auch. Denn die Fototage sind weiterhin kostenlos für ihre Besucher. Finanziert wird einerseits mit öffentlichen Mitteln von der Stadt Darmstadt, andererseits aber auch mit Leistungen vieler Sponsoren: »Wir brauchen immer rund drei Monate, bis dieses Geld zusammenkommt«, sagt Haag.
Weil es dennoch nicht reicht, gibt es für die Besucher die Möglichkeit zur Teilnahme an einer Lotterie – via Internet bereits jetzt, per Teilnahmekarte an den Festivaltagen. Zu gewinnen ist eine Fotografie von Iris Wolf. Sie hat die Vision eines Trinkers, der sich nach den Schönheiten des portugiesischen Meeres sehnt, zum zarten Landschaftstraum gemacht. Wer den Hintergrund zum Bild nicht kennt, geht hier wahrscheinlich an der Vision vorbei. Der Gewinner der Spendenaktion wird am Sonntagvormittag im Carree bei einer Ziehung ermittelt.
Für Lechner, Haag und die übrigen Mitglieder ihres Vereins läuft der Countdown bis zur Eröffnung ihrer Fototage: »Die ersten Bilder wurden vor einem Monat geliefert, am Dienstag sind LKWs aus Berlin und Amsterdam gekommen, ab Mittwoch wird aufgebaut.« 60 Helfer wollen in den kommenden Tagen an den verschiedenen Ausstellungsorten koordiniert sein. Zum Augenschein kommt dann auch Muskelarbeit, wenn beispielsweise drei Tonnen Holz per Aufzug in den dritten Stock der Centralstation gebracht und dort zu 70 laufenden Quadratmetern Ausstellungsfläche gemacht werden müssen.
Annette Krämer-Alig
Darmstädter Echo 07.04.2009
Tage der Fotografie: Das Design-Haus ist von 24. bis 26. April wieder Zentrum der dreitägigen Darmstädter Veranstaltung
DARMSTADT. Es ist ein braves Mädel, das da im Birkenwäldchen steht. Ordentliche Zöpfchen, weißes Kleidchen, Kniestrümpfe – Omas Süße aus vergangenen Tagen. Bei längerem Hinschauen lässt diese Fotografie jedoch schaudern. Wie starr sie da steht, und wie leblos sind die Augen – eine Marionette mit Haut und Haaren. Der Niederländer Ruud van Empel hat dieses Bild arrangiert, das als stilles Mahnmal gelten mag: Da steht kein Kind, sondern eine Fantasie, die vielleicht möglich werden könnte durch Eingriffe ins menschliche Genom. Ist es ein düsterer Blick in eine wahrscheinliche Zukunft? Van Empel lässt diese Frage offen; der Betrachter wird bei den kommenden Darmstädter Tagen der Fotografie vor dem Original für sich entscheiden müssen.
Dort ist das Kinderbild im Design-Haus auf der Mathildenhöhe zu sehen: Es ist eins der 14 Großformate in der Hauptausstellung der Fotografie-Tage auf beiden Stockwerken der Villa. Vision – Aussicht aufs Leben ist das Motto der Tage am dritten Aprilwochenende. Gezeigt werden Arbeiten von Künstlern aus mehreren Ländern. Mehrheitlich leben die Fotografen in Deutschland, aber auch der Niederländer, eine New Yorkerin, ein Iraner, eine Koreanerin mit Wohnort Paris und eine Deutsche, die im australischen Melbourne wohnt, sind dabei.
Die Gruppen-Ausstellung ist wie in den vergangenen Jahren von Alexandra Lechner, Albrecht Haag, Gregor Schuster und Rüdiger Dunker vom Vorstand des Fördervereins Darmstädter Tage der Fotografie organisiert worden, zum Kuratorium gehören auch Ute Noll sowie Kris Scholz vom Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt. »Wir haben die Ausstellung in unterschiedliche ›Visionen‹ gegliedert«, sagt Alexandra Lechner. Sie zeigt diese ›Visionen‹ auf ihrem Computerbildschirm und macht Lust darauf, die kleinen Bilder in voller Größe anzuschauen. Auf die Räume in Erd- und Obergeschoss des Design-Hauses verteilen sich die Bereiche ›Glaube und Werte‹, ›die Veränderung des Menschenbildes‹, ›Visionen junger Leute‹, ›Lebensräume‹ und ›menschliche Beziehungen‹.
Zu den ›Lebensräumen‹ gehören dabei nicht nur Bilder von amerikanischen Prachtbauten – teuer, aber geschmacklos. Johann Ahlert (Hamburg) präsentiert das Gegenteil: eine deutsche Wagenburg. Die Vorstellung vom alternativen Dorfleben wird in seinen Bildern ebenso deutlich, wie es die vielen bürgerlichen Anklänge werden: In einem der Wagen umfasst die Wohnkultur sogar geschnitzte Fenster mit gotischen Spitzbögen. Auch der Glaube ist ein weites Feld fotografischer Möglichkeiten. Private Intimacy (Private Innigkeit) stellt Lili Almog (New York) vor. Sie zeigt der Religion hingegebene Karmeliter-Nonnen in ihrem Habit und vor einer strengen Betonwand. Jede hat ihren Platz gefunden in den harten Ordenstraditionen, so scheint es. Andreas Herzau (Hamburg) geht dagegen mitten hinein in eine moderne Form des Christentums. Er präsentiert in Schwarzweiß, wie es aussieht, Wenn Gott ein DJ ist (If God is a DJ) – Bilder, die 2005 beim katholischen Weltjugendtag in Köln entstanden. Mit ihren jungen Leuten, die feiern oder schmusen, könnten diese Fotografien genauso auch vom legendären Rockfestival in Woodstock stammen.
Michael Najjar (Berlin) hat sich dreist-traurig der Veränderung des Menschenbilds gewidmet. Er schickt den tragischen antiken Helden Laokoon in die Moderne. Dort kämpft seine Trias mit einer Schlange, die der Fluch der Perfektion sein könnte. Denn die Trojaner unserer Tage ringen täglich um ihre Postkartenschönheit und gegen das Alter, das Laokoon in der berühmten antiken Marmorskulptur durchaus zeigen durfte. Die Visionen junger Leute sind dagegen national geprägt in dieser Ausstellung. Streng, geradeaus, selbstsicher und hart haben sich die Schüler eines deutschen Eliteinternats vor der Kamera des Berliners Michael Schäfer in Szene gesetzt. So wollen sie später als erfolgreiche Bundesbürger auf andere wirken: inszenierte Bilder, aber wohl realistische. Im Iran tanzen die Twens dagegen auf munteren Partys. Doch Gesichter dürfen sie nicht haben in den Fotografien von Amirali Ghasemi (Teheran). Diese sind geweißt, denn im Land der Mullahs gibt es eine solche Jugend ja noch immer offiziell nicht.
Ghasemi ist am Samstag (25.) auch einer der sieben Referenten beim ganztägigen Symposion dieser Tage der Fotografie zum Thema Vision. Sein Vortrag widmet sich der ›Wahren Geschichte‹, während bei der gleichen V eranstaltung beispielsweise der Kulturphilosoph Kai Buchholz seine Gedanken dazu vorstellt, ob Fotografien utopisch sein können.
Annette Krämer-Alig
Darmstädter Echo 04.02.2009
Thema der Tage der Fotografie lautet »Vision – Aussicht aufs Leben«
DARMSTADT. Die drei Anwärter für den Merck-Preis stehen fest. Die Jury der fünften Darmstädter Tage der Fotografie hat die Bilder von Steffi Klenz, Maria-Franziska Löhr und Nils Klinger ausgewählt, eine oder einer von ihnen wird am 24. April, dem Eröffnungsabend des dreitägigen Fotografie-Festivals, die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung erhalten.
Das Thema dieser Tage der Fotografie lautet Vision – Aussicht aufs Leben. Wie im vergangenen Jahr werden die Preisanwärter ihre Bilder zu diesem Thema am Eröffnungsabend selbst an eine freie Wand im Jugendstilmuseum auf der Mathildenhöhe bringen. Erst danach wird die Entscheidung fallen. Die Juroren sind Alexandra Lechner, Albrecht Haag, Gregor Schuster und Rüdiger Dunker vom Vorstand des Vereins Darmstädter Tage der Fotografie sowie die externen Juroren – Kuratorin Ute Noll und Kris Scholz vom Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt.
Schon bis jetzt haben die Sechs viel Arbeit in diesen zweiten Merck-Preis gesteckt. Aus etwa 280 Einsendungen, die auf eine Ausschreibung im vergangenen Herbst hin eingingen, wurden zunächst 38 Fotografen für die Teilnahme an den Fotografie-Tagen ausgesucht – ihre Bilder werden während des Festivals an verschiedenen Orten gezeigt.
In der nächsten Runde entschied die Jury dann über die drei Merck-Preis-Anwärter aus dem Kreis dieser 38. Im Jugendstilmuseum wird schließlich die letzte Wahlrunde folgen: »nach dem Oscar-Prinzip«, wie Albrecht Haag lächelnd sagt. Vor ihm steht dabei die Stahlplastik für den Preisträger, die ihre schöne künstliche Patina durch die Handarbeit der Festival-Veranstalter erst noch bekommen wird.
Jeder der drei Bewerber füllt eigenes Terrain. Steffi Klenz lebt in London. Sie hat ihrer Bilderserie über ein Dorf mit hübsch-hässlichen Häusergruppen und menschenleeren Straßen den Titel Nonsuch gegeben – wohl in Anklang an einen verschwundenen königlichen Palast des britischen Königs Heinrich VIII. Aus dem 16. Jahrhundert.
Der Name ist eine feine Spitze: Gebaut wurde die fotografierte Stadt Poundbury im Süden Englands von modernen Architekten und nach historisierenden Prinzipien, die der britische Thronfolger Price Charles in seinem Buch »A Vision of Britin« entwickelt hat. Poundbury ist eine Reißbrettstadt, die es tatsächlich gibt, die heute genauso gut aber auch als Vision am Computer gebaut werden könnte.
Maria-Franziska Löhr (Schnaittach) geht dagegen sehr poetisch ins volle Leben. Ihre Fotoserie zeigt eine junge Frau mit Down-Syndrom, die tagsüber in der Behinderten-Werkstatt arbeitet, abends mit Vorliebe in Modezeitschriften stöbert. Ihr Wunsch war es, sich einmal selbst zum Mannequin verkleiden zu dürfen.
Der Wunsch wurde für die Bilder erfüllt: Löhr durfte teilnehmen an der Auseinandersetzung der Behinderten mit der Welt von Mode, Spiegel, Kamera und dem ungewohnten eigenen Ich.
Der Mann im Fotografen-Trio macht deutsche Geschichte zum Gegenüber von Bildern und Worten. Demarkation ist der Übertitel, unter den Nils Klinger aus Kassel seine stillen, aber unheimlichen Landschafts- oder Architekturszenerien gestellt hat. Die Bilder sind Visionen, Vorstellungen: An den gezeigten Orten – Wiesen, Keller oder Friedhof – hätten die gescheiterten oder erfolgreichen Fluchtversuche von DDR-Bürgern geschehen können, die Klinger den Bildern als Texte gegenüberstellt. Wobei die Texte Realitäten schildern: Diese Fluchtversuche hat es gegeben.
Die Entscheidung wird für die Jury schwierig werden – und für den Preisträger zu einem großen Erfolgserlebnis. »Der Merck-Preis bekommt viel Aufmerksamkeit, weil er am Eröffnungsabend der Fotografie-Tage übergeben wird«, sagt Alexandra Lechner.
Bei der Preisvergabe im vergangenen Jahr war das Interesse so groß, dass die Besucher bis vors Tor des Jugendstilmuseums standen. Der Preis kann sich zudem mit seinen 5000 Euro auch im Vergleich der deutschen Fotografie-Auszeichnungen gut halten: Nur fünf Preise sind deutschlandweit so gut ausgestattet. Und weil Geld die Welt bekanntlich auch in der Kunst regiert, steigert das zusätzlich die Qualität der Einsendungen für den Merck-Preis, wie die Juroren sagen.
Beim Sponsor hält die Freude über das eigene Engagement auch deshalb an. 2008 hat Merck vertraglich zugesichert, den Preis über drei Jahre hinweg finanziell auszustatten, jetzt zahlt der Pharma-Konzern zum zweiten Mal. Angesichts der Wirtschaftskrise wird zwar gespart, doch Isabel Merkle von der Sponsoring-Abteilung sagt: »Für uns ist das ein schönes Projekt. Und wir wollen auch künftig Highlights unseres Sponsorings erhalten.«
Annette Krämer-Alig
Darmstädter Echo 01.10.2008
DARMSTADT. Für Alexandra Lechner und Albrecht Haag beginnt der April bereits im Oktober. Dann bimmelt das Telefon, läuft der Briefkasten in der Kittlerstraße 34 voll und stapeln sich die Bewerbungsunterlagen. 280 waren es zur Veranstaltung in diesem Jahr, nur 37 Fotografen machten das Rennen um einen Ausstellungsplatz bei den Darmstädter Tagen der Fotografie. Denn das Festival ist längst aus dem Schatten renommierterer Veranstaltungen herausgetreten. Es kann sich bundesweit sehen lassen, was Qualität und Innovation im Fotokunstbereich angeht.
Eine Besonderheit der Schau im Vergleich zu anderen ist die thematische Ausrichtung, die unterschiedliche Genres und Ausdrucksweisen aus dem Kamerasektor verbindet. Jetzt läuft der Wettbewerb um die Teilnahme an Vision – Aussicht aufs Leben. Bis 15. November steht der Briefschlitz der Initiatoren für neue Einsendungen von Profis und Amateuren offen. Im Dezember wählt eine sechsköpfige Jury die Arbeiten aus, die im Frühling, von 24. bis 26. April, bei den fünften Darmstädter Tagen der Fotografie gezeigt werden.
Mindestens 4000 Stunden unbezahlter Arbeit stecken in dem ambitionierten Ausstellungsprojekt, das die vier Impulsgeber vor fünf Jahren aus dem Boden stampften, wie sie sagen. Leidenschaft steckt dahinter, nicht Kommerz – was den Machern ein Höchstmaß an Unabhängigkeit garantiert. Den drei Tagen im April, auf die sich das Event konzentriert, sieht man die Arbeit nicht an, die darin steckt. Doch das Festivalteam – neben Lechner und Haag spielen Gregor Schuster und Rüdiger Dunker tragende Rollen – legt Wert auf Qualität. Die kostet eben Zeit: Sorgfältige Nachbereitung sei ebenso wichtig wie strukturierte Vorbereitung, sagt Albrecht Haag. Die Veranstalter müssen nicht nur die auf 15 Orte in Darmstadt verteilte Ausstellung organisieren, die Vernetzung zwischen Instituten und Fotografen sicherstellen und das eintägige Symposium, welches das Festival bereichert, mit Redebeiträgen bestücken.
»Wir wollen dokumentieren, was passiert. Leute sollen bei uns recherchieren können«, sagt Haag und verweist auf den jährlich erstellten Festival-Katalog, die Dokumentation des Symposiums und die Webseite der Veranstalter. Letztere mausert sich allmählich zu einem umfangreichen Archiv über zeitgenössische Fotokunst, in dem alle an den Fototagen beteiligten Künstler und Redner Platz finden. Auch ein Film über das vergangene Event dieses Jahres ist dort anzuklicken: 14 Studierende des Fachbereichs Media der Hochschule Darmstadt begleiteten die Organisatoren in der Hochsaison der Fototage von November 2007 bis April 2008, und erstellten eine halbstündige Dokumentation nebst ausgewählten Künstlerporträts.
Seit 2008 adelt den Fotowettbewerb zudem ein stattliches Preisgeld: Die Darmstädter Firma Merck stiftet 5000 Euro für außergewöhnliche Fotografie. Der Merck-Preis der Darmstädter Tage der Fotografie wird für überzeugende Qualität, konzeptuelle Konsequenz und eine gelungene Umsetzung des Themas vergeben. Die für 2009 gestellte Aufgabe ist knifflig. Denn Visionen zu bebildern, ob zukünftige, gegenwärtige oder auch gescheiterte, es erfordert Kreativität. In gewisser Weise sind die Veranstalter der Fototage selbst das beste Beispiel für die von ihnen ausgeschriebenen Aussicht aufs Leben: Ihr Traum von einem Forum für anregende und innovative Fotografie nimmt mit jeder neuen Auflage der Fototage deutlichere Konturen an.
ats