Sylvia Ballhause und Frank Robert

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Sylvia Ballhause und Frank Robert

Konsum, Trikot und Dynamo

Inspiriert worden zu diesen romantischen Kindheitserinnerungen ist Sylvia Ballhause durch ›Zonenkinder‹, dem erfolgreichen Roman der gleichaltrigen Jana Hensel, in dem es heißt: »Ich sehe mich noch auf alten Fotos: Die Sanitasche schräg über dem Bauch gehängt, die weiße Haube mit dem roten Kreuz auf dem Kopf und die Hand auf dem Lenker meines grünen Rollers gelegt, schaue ich in die Kamera und wirke ein bisschen wie die Kinder-Einsatztruppe der Polizei. Aber das ist mehr als zehn Jahre her. In dieser Zeit ist aus unserer Kindheit ein Museum geworden, das keinen Namen und keine Adresse hat und das zu eröffnen kaum noch jemanden interessiert. Gehe ich manchmal, nicht oft, allein wie im Traum in den verdunkelten Räumen umher, treffe ich viele alte Bekannte und freue mich, sie wieder zu sehen. Im selben Augenblick aber bemerke ich, wie übel sie uns es genommen haben, dass wir uns damals so plötzlich von ihnen abwandten, ohne uns zu verabschieden, und je näher ich mit meinem Gesicht an die Vitrinen herangehe, desto weiter weichen sie zurück. Ein bisschen sehen sie unter dem Glas wie Tote aus und auf einmal bin ich nicht mehr ganz sicher, ob sie jemals unsere Freunde und wir mit ihnen am Leben gewesen sind.«

Ein bisschen tot, nein, ziemlich tot sehen auf den Fotos auch die Kindheitsorte von Frau Ballhause aus. Anders als Jana Hensel ist sie sich aber sicher, dass sie einst am Leben gewesen sind. Dieses Leben, ihr Leben, hat sie im Frühjahr 2003 in enger Zusammenarbeit mit Frank Robert versucht, an die toten Orte zurückzubringen. Ich finde, es ist beiden nur teilweise gelungen – glücklicherweise! Tote kann man nicht mehr zum Leben erwecken, Erinnerungen, Gefühle dagegen schon. Und so sind die Bilder von teilweise morbider Schönheit gelungen.

… Das spätkindliche Glück, für die vollendete DDR-Tatsachen nicht verantwortlich zu sein, bestimmt den Tonfall ihrer Bilder: Sie hat es nicht nötig, im Zorn auf die DDR zu blicken. Sie hat ihre Kindheitsgeschichten ebenso im Marienkäferkostüm wie in der Pionierbluse erlebt. Es sind diese Geschichten, die Identität stiften und Gemeinerfahrung. Es gab einen Unterschied zwischen den Symbolen der staatlichen Ideologie und der Ideologie selbst. Diesen Unterschied verleugnen viele und wenn sie erzählen, meint man, sie hätten nie gelebt und damit doch erst 1990 angefangen. Ich gebe zu, auch mich irritiert das Bild der heutigen Mannheimerin Sylvia Ballhause in ihrer Hallenser Pionierkluft. Doch diese Irritation sollten wir aushalten. Deutschland, hat Wim Wenders gesagt, sei fremdbebildert, amerikanisch natürlich. Auf Ostdeutschland liegt obendrein eine westdeutsche Fremddefinition. Diese Bilder hier sind authentisch. Sie sichern uns unsere Geschichte. Ein Kind der DDR und durchaus auch ihres Volkes gewesen zu sein, ist keine Frage von Bekenntnis oder Definition, sondern meint gelebtes Leben, an ähnlichen Orten verbracht.

Thomas Melzer